Seit wir in Afrika angekommen sind, diskutieren wir noch häufiger über Armut als schon zuvor in Indien oder Südostasien. Eine bessere Ausbildung würde viele Probleme lösen, das ist klar. Doch auch Korruption, die hier einer der grössten Bremsklötze für die Entwicklung von Wirtschaft und Wohlstand ist, kann letztendlich nur durch aufgeklärte Bürger beseitigt werden, die gemeinsam mehr Verantwortung und Transparenz von ihren Politikern und Institutionen einfordern.
Beim Planen der Reiseroute von Nairobi in Kenia nach Kampala in Uganda kam Julia ein Name bekannt vor: Eldoret gabs doch schonmal irgendwo… erst mehrere Tage später wachte sie dann morgens mit der Antwort auf. Ihre Tante Rosi hatte vor einigen Jahren zum Geburtstag anstelle von Geschenken um Spenden für ein Kinderheim in Eldoret, einer kleinen Stadt im Südwesten Kenias gebeten. Unser Interesse war geweckt und nach kurzer Recherche haben wir das Projekt gefunden, das vor rund 12 Jahren von einem Pfarrer der Gemeinde Münsingen auf der Schwäbischen Alb gegründet worden war, um Straßenkindern in Kenia zu helfen.
Frau Keller, die Vorsitzende der neugegründeten Stiftung „Kenia-Hilfe Schwäbische Alb„, hat sich umgehend auf unsere Anfrage gemeldet und unter anderem vom Umzug des Kinderheims und der Schule in die Nähe von Nairobi erzählt. Noch praktischer für uns. Kurze Zeit später sind wir zum Besuch angemeldet bei Birgit Zimmermann, einer deutschen Sozialarbeiterin, die vor Ort mit den Kindern arbeitet. Auf dem Rückweg von einem unserer Ausflüge ins Umland sind wir also letzten Samstag bei dem Projekt in der Nähe von Kikuyu, rund 20 km westlich von Nairobi, vorbeigefahren. Birgit, wie wir schon am Telefon zu ihr sagen sollen, holte uns mit zwei der älteren Schüler an der Hauptstraße ab, wo uns der Matatu – ein kenianischer Minibus – absetzt. Davis und Joseph führten uns als erstes durch die kleine Farm die auf dem Weg zum Schulgebäude liegt. Hier lernen die älteren Kinder in der neuen Berufsschule wie man Schweine züchtet, Kühe hält oder Hasen schlachtet. „Dadurch sorgen sie nebenbei auch für nicht unerhelbliche Zusatzeinnahmen für ihr eigenes Schulprojekt,“ erklärt uns Birgit, „denn Fleisch und Milch werden auf den Märkten der Region verkauft.“ Das Kinderheim und die Schule liegen nur 100 Meter die Strasse entlang und geben momentan knapp über 100 ehemaligen Straßenkindern ein Zuhause und eine Ausbildung. „13 Lehrer, 3 Köche, 5 Heimarbeiter und ein Gärtner sind beim dem Projekt angestellt und werden zum größten Teil von den Spendengeldern von der Schwäbischen Alb finanziert,“ wie uns Birgit erklärt. Nachdem die Theologen Eva und Gerhard Schäfer bereits 1983 erste Kontakte zur presbyterischen Kirchengemeinde in Eldoret knüpften und 1998 eine Anfrage für ein gemeinsames Straßenkinderprojekt von dort kommt, nimmt das Projekt schließlich im Jahr 2000 in Eldoret die ersten Kinder auf.
Dann kamen die kontroversen Präsidentschaftswahlen im Jahr 2007, in denen sowohl Präsident Kibaki als auch der damalige Oppositionsführer Odinga den Wahlsieg für sich beanspruchten. Die danach folgenden Ausschreitungen zwischen ethnischen Gruppierungen in Kenia, die den einen oder anderen Kandidaten unterstützten, haben auch die Schule betroffen, Einrichtung wurde geplündert und die Gebäude niedergebrannt. Eines der stabilsten Länder in Ostafrika versank im Chaos – neben hunderten Toten wurden Hunderttausende Menschen vertrieben – und mit ihm das Projekt Eldoret. Nach einer Zeit der Ungewissheit fand man mit Hilfe der Organisation TOF (The Outreach Foundation) eine bestehende Schule, mit der man auf dem jetzigen Gelände im Dorf Lusigetti nahe Kikuyu fusionieren konnte. Seitdem wurde die Kapazität des Heims vergrößert, eine neue Berufsschule eingeweiht und ein neuer Brunnen gebohrt, der inzwischen das ganze Dorf mit Trinkwasser versorgt und so zu einer weiteren Einnahmequelle geworden ist. Neben einem Zuhause, einem stabilen sozialen Umfeld und einer guten Schulbildung, können sich die Jugendlichen nach dem Schulabschluss in der Berufsschule zum Schreiner, Schneider, Haarstylist oder Agrarwirt weiterbilden lassen. Die ersten zwei Jahrgänge von Jugendlichen, die die Schule verlassen haben, konnten so schon einen guten Einstieg ins Berufsleben finden. Die deutsche Botschaft in Nairobi hat zur Eröffnung einen Teil der Ausstattung finanziert, aber dennoch fehlt es an vielen Ecken. Die Schlafräume sind überbelegt, steigende Lebensmittelpreise bereiten Sorgen bei der Finanzierung des Essens für die Kinder und durch ein leicht sinkendes Spendenaufkommen können wohl nicht alle der Lehrer weiterbeschäftigt werden.
Manche der Kids im Karai sind Waisen oder Halbwaisen, andere aus Elternhäusern, die sich aus verschiedensten Gründen nicht um ihre Kinder kümmern können. Während der Ausbildung an der Schule versuchen Kinder und Betreuerteam, den Kontakt zu Verwandten aufrecht zu erhalten und die Jugendlichen nach dem Abschluss als junge Berufstätige mit Ausbildung wieder zurück zu Verwandten zu bringen, die dort Einkommen und Bildung in die Familienstrukturen zurückbringen koennen.
Die Kinder kommen aus ganz unterschiedlichen Teilen des Landes. Joseph der uns herumführt zum Beispiel wurde in Eldoret selbst geboren, seine Muttersprache ist Nanda, einer der dortigen Lokalsprachen. Sein Freund Davis aus Kakamega spricht eigentlich Luyha, eine weitere komplett eigenständige Sprache – weder Luyha noch Nanda haben irgendwas mit der kenianischen Amtssprache Swahili zu tun. Neben Swahili, der Universalsprache Ostafrikas, lernen die Kinder an der Schule auch English. Beide Sprachen sind immens wichtig für den Ausstausch zwischen den vielen Stammesgruppen, die zusammen das Land Kenia bilden. Und das Land ist durch den Tourismus und seinen wichtigen Seehafen in Mombasa auch wirtschaftlich auf einem guten Weg. Ausbildung ist aber für einen signifikanten Teil der Bevölkerung immer noch Luxus, zwischen 15 und 20% der Menschen sind Analphabeten. „Aufgrund des christlichen Hintergrundes des Projekts werden Themen wie sexuelle Aufklärung und Familienplanung vielleicht etwas kürzer behandelt“ gibt Birgit auf unsre etwas kritischeren Nachfragen hin zu. Was natürlich nicht ideal ist in einem Land, in dem über 6% der Erwachsenen HIV-infiziert sind und dessen Bevölkerung mit durchschnittlich 4,2 Kindern pro Frau viel schneller wächst als die Gesellschaft oder die Wirtschaft das verkraften könnte. Was nur ein Ansatz für weitere Verbesserung für ein unglaublich wertvolles Projekt ist.
Unserer Einschätzung nach könnte das Projekt Karai vor allem in den folgenden Aspekten Modellcharakter haben: Es bringt jungen Menschen nicht nur eine Ausbildung, sondern neue Lebensperspektiven und indirekt profitieren viele der Familien der Schulkinder von der Ausbildung. Durch die größtenteils kenianische Verwaltung der Schule (wir konnten den kenianische Schuldirektor leider nicht treffen, weil wir am Samstag kamen) hilft das Projekt durch Weiterqualifizierung des Erziehungspersonals auch dem kenianischen Bildungswesen. Die enge Kooperation des Projekts mit der Dorfgemeinschaft und die langsam wachsenden kenianischen Einnahmequellen lassen hoffen, dass das Projekt eines Tages möglicherweise auf eigenen Beinen stehen kann.
Bis dahin allerdings liegt noch ein langer Weg vor der Keniahilfe Schwäbische Alb und der „Vocational Children’s Vocational Center“. Jegliche Spenden sind überlebenswichtig fuer das Projekt, koennen direkt ueber die Internetseite der Keniahilfe getaetigt werden und kommen aufgrund der absolut geringen Verwaltungskosten zu fast 100% bei den kenianischen Kindern an. Wer von euch das Projekt also genauso unterstützenswert findet wie wir kann dort einen passenden Betrag spenden!
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